Wielbark-Kultur

 

Aus Bierbrauer "Archäologie und Geschichte der Goten vom 1-7 Jh. n. chr..,Versuch einer Bilanz“

  1. Kontinentale Ethnogenese oder Einwanderung aus Skandinavien 
    • Zeitlicher und regionaler Vorgänger ist Oksywa (=Oxhöft) Kultur
  1. Die Wielbark-Kultur (B1-B2/C1-C1a, ca. Anfang des 1 Jh. n. chr – 220/230 n. chr.)
    • Wird als eigenständige Kulturstufe ab b1 angesehen
    • Frühere Benennungen
      1. Gotisch-gepidische Kultur (vor 1945)
      2. Danach Weichselmündungskultur oder ostpommerische-masowische Kultur
    • Der Name Wielbark wurde durch R. Wolagiewics geprägt; erforschte das Gräberfeld von Wielbark (Willenberg) bei Elblag (Elbingen) mit ca. 3000 Bestattungen
    • Gekennzeichnet ist die Wielbark Kultur der älteren RKZ durch
      1. Große Flachgräberfelder mit Brand- und Körperbestattung, birituell, ,mit unterschiedlichen Anteilen an den Bestattungsformen. Dazu unterschiedliche Brandbestattungstypen (Urne, Brandgrubenhaus)
        1. Lässt der unterschiedliche Bestattungsritus eine regionale Untergliederung zu ?
      2. Hügelbestattungen mit unterschiedlichen Steinkonstruktionen und Steinkreisen, in B1 (Ende) einsetzend und in B2 voll ausgebildet -> also später als die Herausbildung der Wielbark-Kultur
        1. Hügelgrabsitte ist in die konventionellen Bestattungssitten eingebunden
      3. Waffenlosigkeit und auffallenden Beigabenarmut in den Männergräbern
      4. Demgegenüber fast komplette Ausstattung der Frauen mit Trachtzubehör
        1. Das Trachtzubehör und der Schmuck sind fast ausschließlich aus Bronze
  2. Verbreitungsraum in B1
    • Der Siedlungsraum ist beschränkt auf:
      1. Den Küstennahen Bereich Nord und Nordostpommern sowie im Landesinneren auf den westlichen Teil der Kujawienischen Seenplatte in Mittelpommern südlich des Oberlaufes der Rega und auf das untere Weichseltal bis östlich von Elbing und einschließlich des westlichen Kulmer Landes. (Abb. S62)
    • Siedlungsleer ist noch der größte Teil von Mittel- und Südpommern sowie Großpolen im Bereich von Netze und Warthe
      1. Besiedelte Flächen liegen somit weitgehend auf guten Alluvialböden und Lößabdeckungen im Weichseltal und auf Braunerden/Parabraunerden.
    • Wielbark hat eine Insellage -> dadurch noch fast keine Kommunikation mit den benachbarten Gruppen
  3. Verbreitungsraum in B2
    • Siedlungsverdichtung in den Räumen die schon in B1 besiedelt waren
    • Erweiterung des Siedlungsraumes in die Gebiete Mittel- und Südpommerns (pommersche Hochebene und Seenplatte) bis in das nördliche Großpolen östlich der Weichsel bis zur Passarge und im Südosten bis in das Gebiet zwischen Deverenz und Wkra-
    • In Pommern werden nun auch weniger gute Böden mit Eisen-Humuspodsol in Heide- und Sanderflächen besetzt.
    • Die in B2 erfolgte Ausbildung der Bestattungsform mit Grabhügeln vom Typ Odry-Wesiory-Grzybni, und Steinkreisen, scheint sich auf die in B2 erschlossenen Siedlungsgebiete zu beschränken
    • Das in B2 erweiterte Siedlungsgebiet bracht die Wielbark-Kultur in direkten Kontakt mit ihren Nachbarn
  4. Verbreitungsruam in B2/C1-C1a
    • Weiter Siedlungsverdichtung im Alt-Siedlungsraum und eine nochmalige aber geringfügige Siedlungserweiterung der noch verbliebenen siedeleeren Zonen zu den Nachbarkulturen
    • Die Nachbarkulturen
      1. Im Osten die Westbaltischen Kulturgruppen
      2. Im Südosten und Süden die Przeworsk-Kultur.
        1. Westbaltische Kulturgruppen
          1. Dolkheim Kultur entsteht Anfang der Stufe B (B2a) auf Grundlage der autochthonen eisenzeitlichen Hügelgräberkultur
          2. Merkmale:
            1. Urnengräber, daneben auch Brandgrubenhäuser sowie Grabhügel und Steinkreise, ferner auch Körpergräber, Pferdebestattungen, Männergräber mit Waffen (eher selten), mit Sporen und Zaumzeug; Frauengräber mit einer sehr spezifische Tracht und Typen (vor allem Gürtel), einschließlich der Haubentracht-
        2. Herausbildung der Bogaczewo-Kultur in der jüngeren vorröm. Eisenzeit (A1-A3) und ist in A3 voll ausgebildet.
          1. Unterschiede zur Dolkheim/Kovrovo – Kultur:
            1. Fehlen der Hügelgräber, Steinkreis und der Körperbestattung. (üblich flache Brandgräberfelder)
            2. In der regelhaften Waffenbeigabe
            3. Und in der von der Dolkheim-Kultur stark abweichenden Sachgütern.
  5. Kontinentale Ethnogenese oder Einwanderung über See
    • Wandersaga des Jordanes
      1. „ Von dieser Insel Scandza, [...], sollen also nach der Überlieferung die Goten (Gotha) mit ihrem König Berig ausgefahren sein.“
    • Die älteren Forschungsansätze ist ein interdisziplinärer Ansatz gemein, wobei aber die historischen bzw. Sprachwissenschaftlichen Quellen den Weg vorgeben und die Archäologie diese zu legitimieren suchte. Neuere Forschungen beziehen sich im ersten Schritt nur auf den archäologischen Sachverhalt, dann erst auf die literarischen bzw. sprachlichen Quellen.
  6. Archäologische Herangehensweise zur Feststellung von Kontinuität oder Migration
    • Bemerkenswert ist die Sepulturkontinuität in einer Vielzahl von Nekropolen in bestimmten Gebieten, belegt von Oksywo zur Wielbark-Kultur als schon von A1-A3 (Fig.16. S78)
    • Strukturanalysen der großen Gräberfelder
      1. Noch nicht möglich da schlechte Publikationslage
    • Aber es besteht nicht Sepulturkontinuität, sondern auch Bevölkerungskontinuität (z.B. Gräberfeld von Pruszcs; Gdanski/Praust- Danzig X)
    • Mit Ausnahme des Gräberfeldtyps Odry-Wesiory-Grzybni und mit Ausnahme von vereinzelter punktueller Mobilität einzelner Personen (Übergang A2/A3) fehlen relevante Hinweise im Kulturgefüge der Oksywie- und der Wielbark-Kultur für Migrationbewegungen; dies gilt besonders für die Zeit einschneiender Veränderungen in der Grab- und Beigabensitte am Übergang von der einen zur anderen Kultur in der Zeit um bzw. kurz nach Christie Geburt (Aufgabe der Waffenbeigabe und Aufkommen der Körpergrabsitte)
  7. Wie ist nun Skandinavien zu verstehen?
    • Waffenbeigabe ist in Skandinavien in der jüngeren vorröm. Eisenzeit nicht die Regel und kommt in Südschweden erst in der Spätphase (A3) auf und wird dann kennzeichnend für die gesamte RKZ
    • Ohne Erfolg bleiben auch die Bemühungen, die neu aufkommende Körpergrabsitte in B1 im Bereich der Wielbarkkultur von außen abzuleiten
      1. Körpergräber (mit Baumsarg) sind in der Dolkheim/Kovrovo-Kultur erst ab B2 belegt, und zwar als Übernahme aus der Wielbarkkultur, sowie regelhafte Flachgräberfelder mit Brandbestattungen in der Bogaczewo-Kultur und Przeworsk-Kultur; in Skandinavien spielt die Körperbestattung vor Christie Geburt gleichfalls keine Rolle, ebenso wurde im elbgermanischen Gebiet brandbestattet.
        1. Beide Veränderungen in der Beigabensitte und in im Grabritus der entstehenden Wielbark-Kultur lassen sich nicht mit Migration verbinden.
      2. Aber es lässt sich Skandinavischer Zuzug feststellen.
        1. Oksywie-Kultur betrifft dies Gürtelzubehör und Fibeln aus 4 Brandgräbern (Gräber 146,148,149,228) aus dem unpubl. Gräberfeld von Nowey Targ bei Elblag/Elbing östlich der Weichselniederung (509 Brand- und Körperbestattungen, belegt im 7/6 Jh. v. chr. und wieder ab der älteren vorröm. Eisenzeit bis in die Zeit 400 n. chr.) (S. 83, Abb. 12 und 13)
          1. Datierung:
            1. Gotländisch Stufe C; A2 oder auch Gotländisch Stufe D ( etwa A3)
      3. Die Frage ob die Bestattungen unter Hügelgrab Skandinavische Wanderung bedeutet wird abgelehnt.
  8. 1. Expansionsraum
    • Verlagerung aus Pommern und Großpolen in die Gebiete östlich der mittleren Weichsel ( Fig. 15, Real)
    • In Pommern und Großpolen brechen die Nekropolen am Übergang von der älteren zur jüngeren RKZ ab (ausgehende Stufe B2,B2/C1 und C1a ca. 160-220/30) an ihre Stelle tritt teilweise elbgeramische geprägte Debczyno-Gruppe
    • Die gotische Bevölkerung verließ die angestammten Gebiete (totale Abwanderung) und nahm Land in den weiten Gebieten östlich der mittleren Weichsel: Masowien, Podasien, Polesien, die Gegend um Brest, sowie im Süden bis in den Lubliner Raum(Abb. 70, Real)
    • Jordanes nennt Überbevölkerung als Grund
      1. Scheint möglich da in B2 zunehmend schlechtere Böden aufgesucht werden.
    • Verdrängung der Przeworsk-Kultur
    • Die Wielbark Bevölkerung im unteren Weichseltal und östlich der Weichsel verblieb hingegen in ihrem angestammten Gebiet (Abb. 70) -> Gepiden ?-> Jordanes betont die enge stammliche verwandtschaftliche Beziehung von Goten und Gepiden, zudem lassen sie sich nach seinen Angaben gut an bzw. in der Nähe der Weichselmündung lokalisieren.
    • Wielbark Besiedlung im 1. Immigrationsraum bleibt bis an das Ende der RKZ stabil ( Ende des 4. Jh. n. ; C3 jung, Übergang zu D1)
  9. 2. Expansionsraum
    • Die Landnahme von Wolhynien und der Ukraine ; Cernjachovkultur
    • Etwa zeitgleich mit der gotischen Landnahme in der 1. Imm.phase erreichen erste Wielbark-Goten Wolhynien und die Ukraine, der in diesem Zeitraum ( B2/C1 und C1a) zu datierenden Fundstoff ist aber zu spärlich um von einer Landnahme zu sprechen
    • Landnahme erfolgt erst ab C2 in der Ukraine ( um die Mitte des 3. Jh. n.)
      1. Kulturmodell Wielbark:
        1. birituell Bestattung, waffenlose Männergräber, Tracht, Beigabensitte, handgemachte Wielbarkkeramik.
      2. Unter denen im 4. Jh. aufkommenden Typen der Tracht befinden sich die (zunächst noch kleinen) Silberblechfibeln mit halbrunder Kopfplatte und rhombischer Fußplatte, sowie Gürtelschnallen mit Beschlagplatten, die kennzeichnend für die Goten bleiben.
      3. Die SO-Verlagerung der Wielbarkkultur ist nicht s anderes als der von Jordanes überlieferte Zug der Goten zum Schwarzen Meer
        1. Fraglich ist ob Jordanes die erste oder zweite Phase meint.
  10. Die Erweiterung des Siedelgebietes der Cernjachovkultur Sintana der Mures-Kultur
    • Im letzten viertel des 3. Jh. (spätes C2, Übergang C3 alt) erfolgt eine erhebliche Erweiterung des Gotischen Siedlungsgebietes in bestimmte Teile Rumäniens.
      1. Übereinstimmungen mit dem Kulturmodell Wielbark bzw. Cernjachov
      2. Name aus dem 1903 erforschten Gräberfeld von Sintana de Mures am Maros in Siebenbürgen
    • Sehr wahrscheinlich ist es kein chronologisch bedingter Zufall, dass die Siedlungserweiterung nach Westen zusammenfällt mit der Spaltung der Goten in
      1. Die w. Trewingi-Vesi (Westgoten)
      2. Die ö. Gruting-Ostrogothi (Ostgoten)
    • Vorbevölkerung: Geto-Daker, Sarmaten
      1. Auch hier wie in der Ukraine Silberblechfibeln und die Gürtelschnalle mit Beschlagplatte
  11. Das Ende der Cernjachov, Sintana der Mures Kultur
    • Beider Kulturen erlöschen am Ende der Zeitstufe C3 jung (370/380) mit einer maximalen Überlappung mit D1 (Ca. 370/80-400/10) bedingt durch den Hunnensturm
      1. Im Verbreitungsraum der Cernjachovkultur findet sich nur noch höchst selten Fundstoff der in D1 datiert
      2. D1 und D2 zeitlicher Fundstoff ist nur noch an der Schwarzmeerküste sowie auf der Krim und im Nordkaukasus-Vorland (hier bis D3) verbreitet, auf die Krim noch bis ins 6. JH (Krimgoten).
    • Historisch bedeutet dies das die Ostgoten nicht in ihrem Siedlungsraum verblieben sind, sondern nach 375 weiter w. irgendwo in den Donau-Karpartenraum übergesiedelt s
    • Das Ende des Sintana der Mures-Kultur äußerst sich gleichartig wie in der Cernjachovkultur in ihrem Verbreitungsgebiet konstituieren sich nur wenige Gräberfelder und Siedlungen in D1
      1. Historisch bedeutet dies den Abzug der Westgoten aus ihrem Siedlungsgebiet des 4. Jh. sie entschieden sich für die römische Option und setzen 376 über die Donau

 

 

 
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